Donnerstag, 10. Mai 2012

Endlos-Shopping ist nicht nötig

Nicole Lauener
Die For­de­rung nach der Li­be­ra­li­sie­rung der Ladenöffnungszeiten ist ein­mal mehr ein Bei­spiel dafür, wie Par­ti­ku­la­r­in­ter​­es­sen von ei­ni­gen We­ni­gen un­sere ganze Ge­sell­schaft auf Trab hal­ten, egal zu wel­chem Preis.

Auf den ersten Blick trifft das Begehren aus Kreisen der FDP zwar den Nerv unserer Zeit: Unsere 24 Stunden-Gesellschaft soll sich in ihrem Konsumverhalten nicht länger von Behörden bevormunden lassen – der Slogan „Everything goes“ wird nun auch auf selbständige Unternehmen im Detailhandel übertragen.
Allerdin​gs stellt man bei genauerer Betrachtung fest: Bereits heute besteht unter der Woche eine weitgehend liberalisierte Gesetzgebung bezüglich Ladenöffnungszeiten im Kanton Zürich. Und eine letzthin durchgeführte Umfrage zu den Sonntagsverkäufen in den Gemeinden des Kantons zeigt, dass das Interesse der Konsumenten wie auch der Detaillisten an zusätzlich zu den bereits bewilligten Sonntagsverkäufen eher gering ist.
Zudem: Die konsumfreudige Generation von heute kann jetzt schon Tag und Nacht ihren Einkaufs-Gelüsten nachgehen: Denn das Internet kennt keinen Ladenschluss. Zugegeben: Den Magen füllt das WorldWideWeb nicht unmittelbar, aber im schlimmsten Fall gibt’s ja auch noch Tankstellen, die den Mindestinhalt des Kühlschranks abdecken. Dort finde ich es schon sinnvoll, wenn die unnötigen Sortimentsbeschränkun​gen bei 24Stunden-Shops endlich aufgehoben werden.

Es stellt sich auch die grundsätzliche Frage nach dem wirklichen Vorteil für die Wirtschaft: Schliesslich wird das Konsumbudget nicht grösser, nur weil ein Einkaufstag mehr zur Verfügung steht. Und wen ich mich bei kleinen Detaillisten im Bezirk umhöre, so befürchtet man, dass die zusätzlichen Einkünfte die höheren Personalkosten nicht lohnen. Ausser vielleicht die Grossverteiler würden profitieren – was den kleinen Geschäften dann um so mehr Sorgen macht.
Meine persönlichen Bedenken gegen das Begehren zielen auf grundsätzliche Fragen in Zusammenhang mit der weiteren Entwicklung unserer Gesellschaft, die sich aktuell schon in hohem Masse individualisiert und entsolidarisiert hat. Müssen wir auch am Wochenende endlos Shoppen? Mehr Arbeit am Wochenende bedeutet auch weniger Engagement für und mit unseren Nächsten. Es fehlt zu Neudeutsch an einer „Work-Life-Balance”. Ist es für die Gemeinschaft und Familien wirklich förderlich, wenn sich auch am Wochenende immer mehr Eltern ihre Zeit mit den Kindern aufteilen müssen, weil ein Elternteil einer Erwerbstätigkeit nachgehen muss? Wer engagiert sich noch für die Freiwilligenarbeit bei Anlässen und Veranstaltungen von Vereinen, an Sonn- und Feiertagen, die sowieso schon mit grossem Mitgliederschwund kämpfen?
Wir haben bereits genügend Berufskategorien, die aufgrund ihrer Tätigkeit z.B. bei der Polizei oder im Spital keine Sonn- und Feiertage kennen und auch an diesen Tagen arbeiten müssen. Diese Tätigkeiten sind wichtig, ja sogar lebensnotwendig.
Am Sonn- und Feiertag zu shoppen erachte ich definitiv nicht als lebensrettende Notwendigkeit. Zum Schluss noch ein kleiner formaler Zusatz zur Vorlage: auch wenn der Kanton Zürich die Initiative gutheisst, werden an Sonn- und Feiertagen die Geschäfte nicht sofort automatisch geöffnet sein – denn nach Bundesrecht ist Sonntagsarbeit für Angestellte des Detailhandels grundsätzlich verboten. So gesehen ist das Begehren für alle Konsumfreudigen eine eigentliche Mogelpackung.

Dar​um: Nein zur Initiative „Der Kunde ist König“ vom 17. Juni 2012

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen